Die Altkleidersammlung in der Schweiz steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Was über Jahrzehnte als einfaches und sinnvolles System funktionierte, gerät zunehmend unter Druck. Immer mehr Kleidung wird gekauft, immer kürzer getragen und immer schneller entsorgt. Gleichzeitig sinkt die Qualität vieler Textilien. Dadurch wird es für Sammelunternehmen wie TEXAID, Tell-Tex oder Caritas schwieriger, alte Kleider weiterzuverkaufen oder sinnvoll zu verwerten.
Ultra Fast Fashion
Ein Hauptgrund für diese Entwicklung ist Fast Fashion. Anbieter bringen laufend neue Kollektionen zu sehr tiefen Preisen auf den Markt. Besonders Ultra-Fast-Fashion-Plattformen, wie Shein oder Temu, haben das Konsumverhalten stark verändert. Viele Kleidungsstücke bestehen aus minderwertigen Materialien oder komplexen Mischgeweben. Sie halten weniger lange, lassen sich schlechter reparieren und sind oft kaum recyclingfähig. Für die Altkleidersammler bedeutet das: mehr Menge, aber weniger Wert.
Die Branche konnte lange von der guten Qualität der in der Schweiz gesammelten Textilien profitieren. Heute ist dies deutlich schwieriger. Immer häufiger landen Stücke in den Containern, die für den Secondhand-Markt nicht mehr geeignet sind. Auch eine Weiterverarbeitung zu Putzlappen oder Recyclingfasern ist bei vielen synthetischen Stoffen nur eingeschränkt möglich. Im schlechtesten Fall bleibt nur die Verbrennung.
Damit gerät das bisherige Geschäftsmodell ins Wanken. Früher konnten Sammelorganisationen gut erhaltene Kleidung sortieren, exportieren und weiterverkaufen. Ein Teil der Erlöse floss an gemeinnützige Organisationen oder finanzierte das Sammelsystem. Heute brechen wichtige Absatzmärkte weg. In vielen Ländern konkurriert Secondhandware direkt mit extrem günstiger Neuware. Gleichzeitig steigen die Kosten für Sammlung, Transport, Sortierung und Entsorgung.
Systemwechsel ist zwingend
Simone Alabor, Geschäftsführerin von Fabric Loop, sieht deshalb die Notwendigkeit eines Systemwechsels. Die Zukunft könne nicht mehr allein darin bestehen, Altkleider zu sammeln und ins Ausland zu verkaufen. Stattdessen brauche es eine textile Kreislaufwirtschaft. Kleidung soll möglichst lange genutzt, repariert, wiederverwendet und am Ende ihres Lebenszyklus als Rohstoff für neue Produkte eingesetzt werden. Als aktives Mitglied von Fabric Loop unterstützen auch wir bei FairTex Group diese Haltung.
Ein solches System ist jedoch anspruchsvoll. Damit alte Textilien zu neuen Fasern verarbeitet werden können, braucht es moderne Sortiertechnologien, geeignete Recyclinganlagen und klare Qualitätsstandards. Besonders wichtig ist auch, dass Textilien bereits bei der Herstellung recyclingfähig gedacht werden. Mischgewebe, viele Beschichtungen, Elastan-Anteile oder schlecht trennbare Materialien erschweren die Wiederverwertung erheblich.
In der Schweiz gibt es bereits verschiedene Initiativen, um diesen Wandel voranzutreiben. Fabric Loop, eine von Swiss Textiles initiierte Branchenorganisation, arbeitet daran, Lösungen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Auch politische Vorstösse gehen in diese Richtung. Diskutiert wird unter anderem ein System nach dem Vorbild des PET-Recyclings: Wer Textilien in Verkehr bringt, soll künftig auch einen Beitrag an deren Sammlung und Wiederverwertung leisten.
Ein solches Finanzierungsmodell wäre für die Branche zentral. Denn die Altkleidersammlung kann nicht dauerhaft funktionieren, wenn immer mehr minderwertige Ware gesammelt wird, deren Verwertung mehr kostet, als sie einbringt. Die Finanzierung der Kreislaufwirtschaft muss aber breiter abgestützt werden – etwa über Hersteller, Importeure, Händler und Onlineplattformen.
Auch die EU erhöht den Druck. Dort gelten neue Vorgaben für Textilien, unter anderem im Bereich Sammlung, Wiederverwertung und Vernichtung unverkaufter Ware. Diese Entwicklungen betreffen auch Schweizer Unternehmen, die in Europa tätig sind oder europäische Lieferketten nutzen. Swiss Textiles, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass regulatorische Veränderungen in der EU auch für die Schweizer Textilbranche relevant sind.
Qualität, Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Recycling ist zentral
Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet dies ebenfalls ein Umdenken. Altkleider in den Container zu werfen, ist nicht automatisch eine nachhaltige Lösung. Entscheidend ist, bereits beim Kauf auf Qualität, Langlebigkeit und Reparierbarkeit zu achten. Weniger, aber bessere Kleidung zu kaufen, ist oft nachhaltiger als grosse Mengen günstiger Ware nach kurzer Zeit wieder zu entsorgen.
Die Altkleidersammlung steht unserer Einschätzung nach noch nicht sofort vor dem Aus, aber es ist fünf vor zwölf. Eine möglichst schnelle Neuausrichtung ist daher zwingend nötig. Das alte System, das stark auf Export und Weiterverkauf setzte, funktioniert immer schlechter. Die Zukunft liegt in hochwertigen Produkten, längerer Nutzung, besserem Recycling und einer fairen Finanzierung des gesamten Kreislaufs.
Die Schweiz hat Voraussetzungen, diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Insbesondere in der Politik gibt es Schritte in die richtige Richtung, z.B. mit der von Nationalrätin Regine Sauter kürzlich eingereichten Motion für eine privatwirtschaftliche Branchenlösung im Textilrecycling. Dafür braucht es aber die Zusammenarbeit zwischen Sammelunternehmen, Textilbranche, Politik, Handel und Konsumenten. Nur so kann aus der heutigen Krise ein neues, zukunftsfähiges System entstehen und der Kollaps in der Altkleidersammlung vermieden werden.