Siegeldschungel überfordert viele Vergabestellen

Wer heute Arbeitskleidung oder Textilien beschafft, wird mit einer kaum überschaubaren Anzahl von Labels, Zertifikaten und Standards konfrontiert. GOTS, OEKO-TEX®, Fairtrade, bluesign®, Fair Wear Foundation, SA8000, Grüner Knopf, Cotton made in Africa und viele mehr – die Liste scheint jedes Jahr länger zu werden. Was ursprünglich dazu gedacht war, Transparenz zu schaffen, führt heute nicht selten zu Verunsicherung. Greenwashing und viele Unwahrheiten dominieren leider immer noch. Die Leidtragenden sind die Beschaffer und die Vergabestellen, welche sich kaum sachlich orientieren können.

Der Schwindel mit den recycelten PET-Flaschen

Kleider aus recyceltem Polyester, hergestellt aus wiederverwerteten PET-Flaschen. Gefühlt noch immer in jedem 2. Workwear-Katalog wird damit geworben. Fakt ist aber, dass die weltweit verfügbare Menge an recycelbaren PET-Flaschen nicht annähernd ausreicht, um den gesamten Bedarf der Textilindustrie zu decken. Oder anders ausgedrückt: Es werden neue PET-Flaschen verarbeitet, welche nie irgendwelche Flüssigkeit gesehen haben. Absoluter Nachhaltigkeits-Blödsinn! Aber es verkauft sich gut, weshalb den gutgläubigen Käufern solche Geschichten aufgetischt werden.

Bewusste Täuschungen von Auditoren

Wir sind überzeugtes Mitglied von amfori und fordern, dass alle unsere Produktionspartner nach amfori BSCI auditiert werden müssen oder zumindest ein sehr starkes vergleichbares Zertifikat im Bereich soziale Verantwortung und Arbeitssicherheit haben. Unsere Kunden stehen häufig öffentlich im Rampenlicht und können sich das Risiko nicht erlauben, dass ihre Kleider durch Kinderhand oder durch Ausbeutung von Mitarbeiterinnen hergestellt werden. Somit schauen wir bei potentiell neuen Produzenten jeweils auch die BSCI-Auditberichte von amfori etwas genauer an. Leider stellen wir zu oft fest, dass Auditoren bewusst getäuscht werden. Der klassische Fall: man lässt nur einen kleinen Teil des Unternehmens auditieren, welche den Vorgaben entspricht und gibt den Rest nicht an. Schon hat man ein gutes Overall-Rating, welches aber überhaupt nicht den Tatsachen entspricht. Da muss man schon etwas genauer hinschauen: In jedem Bericht steht die Anzahl Mitarbeiter, welche beschäftigt werden. Ist diese gegenüber dem effektiven Mitarbeiterbestand zu tief, sollten sofort die Alarmglocken läuten. In der Praxis haben wir aber noch kaum Beschaffer getroffen, welche z.B. amfori- oder Sedex-Auditierungen so genau anschauen und beurteilen. Ein leichtes, diese zu täuschen.

siegelklarheit.de – alles eine «Sehr gute Wahl»?

Es gibt verschiedene Initiativen und Bemühungen, Gegensteuer zu geben, z.B. Siegelklarheit in Deutschland oder Labelinfo in der Schweiz. Siegelklarheit.de ist eine unabhängige Informations- und Bewertungsplattform für Nachhaltigkeits-, Umwelt- und Soziallabel, die Verbraucherinnen und Verbrauchern Orientierung im Siegel-Dschungel bietet, oder es zumindest versucht. Die Plattform bewertet die Glaubwürdigkeit und die Nachhaltigkeitsanforderungen von Siegeln und zeigt auf, welche Labels besonders empfehlenswert sind. Hinter Siegelklarheit stehen die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), welche die Initiative 2015 ins Leben gerufen hat. Wenn man die Produktegruppe «Textil» auswählt, werden dann auch 17 Siegel angezeigt und grob umschrieben, soweit so gut. Auffallend ist aber, dass bei allen diesen Siegeln steht: «Sehr gute Wahl». Diese einheitliche Beurteilung hilft somit Vergabestellen nicht wirklich weiter, wenn man versucht herauszufinden, welche Siegel besonders vorbildlich sind.

labelinfo.ch –nicht zu Ende gedacht

Labelinfo.ch ist die unabhängige Schweizer Informationsplattform für Umwelt-, Sozial- und Nachhaltigkeitslabels und hilft Konsumentinnen, Konsumenten sowie Beschaffungsverantwortlichen, die Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeitsleistung von Labels zu beurteilen. Die Plattform bewertet Labels anhand von Kriterien wie Umweltfreundlichkeit, Sozialverträglichkeit, Tierwohl und Glaubwürdigkeit und möchte direkte Vergleiche zwischen verschiedenen Standards ermöglichen. Betrieben wird Labelinfo.ch seit 2001 von der Stiftung Pusch (Praktischer Umweltschutz), gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnern wie der ZHAW sowie internationalen Organisationen wie dem International Trade Center (ITC) und der GIZ.

Auf den ersten Blick sieht dies nach einer sinnvollen Lösung aus. Im Bereich Textil werden 18 Siegel resp. Auditbewertungen aufgezeigt mit 4 unterschiedlichen Bewertungen. Leider gehen die Bewertungen vorwiegend in die Breite und zu wenig in die Tiefe. Auditierung nach amfori BSCI oder FairWear gehen unserer Beurteilung nach in der Überprüfung der ILO-Kernarbeitsnormen sehr weit, z.B. auch mit Mitarbeiterbefragungen ausserhalb der Fabriken. Trotzdem werden diese nur mit der zweitschlechtesten Bewertung beurteilt, weil sie ausschliesslich die soziale Verantwortung und die Arbeitssicherheit überprüfen. Ähnliches gilt für Label, welche sich ausschliesslich auf den Umweltschutz konzentrieren, auch diese werden abgestraft.

Wenn jemand ein Leiden hat, geht er auch lieber zum Spezialisten und nicht zum Generalisten. Somit sind wir der Meinung, dass auch eine Vergabestelle eine «Spezialisten-Kombination» von sozialer Verantwortung + Umweltschutz zumindest nicht schlechter bewerten sollte, als ein allgemeines Zertifikat für beide Bereiche. Leider zeigt die Praxis ein anderes Bild. Aktuell läuft in der Stadt Bern eine Ausschreibung, welche gemäss labelinfo.ch bestbewertete «Generalisten-Zertifikate» bevorzugt, auch wenn diese gemäss unserer Einschätzung weniger in die Tiefe gehen. Eigentlich sollte genau das Gegenteil bevorzugt werden. Vermutlich hat sich die Vergabestelle zu wenig mit dem Thema befasst.

Direkte Vergleiche sind schwierig und müssen hinterfragt werden

Auch in Fachforen, Branchenverbänden und unter vermeintlichen Experten finden sich zahlreiche Diskussionen über die Aussagekraft einzelner Labels. Kritisiert wird beispielsweise, dass manche Zertifikate nur einzelne Produktionsschritte erfassen, während andere die gesamte Lieferkette betrachten. Andere Stimmen weisen darauf hin, dass ein Zertifikat zwar wichtige Mindeststandards bestätigt, aber nie sämtliche Nachhaltigkeitsaspekte vollständig abdecken kann.

Dabei verfolgen die verschiedenen Siegel oft ganz unterschiedliche Ziele. Während beispielsweise OEKO-TEX® STANDARD 100 in erster Linie die Schadstofffreiheit eines Produkts prüft, betrachtet GOTS zusätzlich ökologische und soziale Anforderungen entlang grosser Teile der Lieferkette. Fair Wear Foundation fokussiert stark auf Arbeitsbedingungen in Konfektionsbetrieben, während der Global Recycled Standard (GRS) den Einsatz und die Rückverfolgbarkeit recycelter Materialien bewertet.

Genau darin liegt eine der grössten Herausforderungen: Viele Labels werden miteinander verglichen, obwohl sie unterschiedliche Fragestellungen beantworten. Die Frage „Welches Siegel ist das beste?“ lässt sich deshalb oft gar nicht eindeutig beantworten. Vielmehr müsste gefragt werden: „Das beste Siegel wofür?“

Für Beschaffer und Endkunden bedeutet dies: Nicht die Anzahl der Logos auf dem Etikett entscheidet über die Nachhaltigkeit eines Produkts. Viel wichtiger ist das Verständnis, welche Aussage ein Label tatsächlich trifft und welche Aspekte es bewusst nicht abdeckt. Mehrere ergänzende Zertifikate können dabei oft aussagekräftiger sein als ein einzelnes Label.

Vertiefung in die Thematik ist zwingend

Eine Patentlösung haben wir leider auch nicht. Wir empfehlen den Vergabestellen aber dringend, sich mit dieser Thematik zu vertiefen und sich bitte nicht von Greenwashing oder Unterlagen täuschen zu lassen, welche nicht der Wahrheit entsprechen. Auch erwarten wir eine ganzheitliche Beurteilung. Als negatives Beispiel ist in letzter Zeit Bernmobil aufgefallen, was ja auch medial aufgegriffen wurde. Interessenten wurden nur zugelassen, wenn man Mitglied bei Fair Wear Foundation ist. Gegen diese Organisation gibt es grundsätzlich nichts einzuwenden, sie ist aber bei weitem nicht in allen Produktionsländern sehr aktiv. Es wird dabei die Beschaffungskette der eigenen Kollektionen und Brands geprüft. Bernmobil gibt in der aktuellen Ausschreibung aber an, vor allem Drittprodukte ab «der Stange» beschaffen zu wollen, welche ja gar nichts mit der eigenen Beschaffungskette des Anbieters zu tun haben. Auch dürfte kaum geprüft werden, wie gut die Bewertungen nach FairWear sind. Somit kann es sein, dass ein Anbieter zugelassen wird, obwohl seine Produktionspartner nachweislich die Mindestlöhne nicht bezahlen und kaum brauchbare Gegenmassnahmen getroffen haben. Das Thema Umweltschutz wurde zudem gar nicht als zwingendes Kriterium vorausgesetzt, das scheint bei Bernmobil offensichtlich nicht wirklich zu interessieren.  

FairTex Group Zivilschutz

Armasuisse: die vorbildliche Vergabestelle

Es gibt aber auch das positive Gegenteil: armasuisse. Bei der Ausschreibung für die Beschaffung der schweizweiten Zivilschutzbekleidung im Jahr 2024 waren wir anscheinend relativ schnell in der Pole-Position. Bevor der Zuschlag zu unseren Gunsten aber erfolgt ist, hat armasuisse den Spezialisten SGS beauftragt, sämtliche Stoffproduzenten und Konfektionäre aller Produkte zu auditieren, welche bei der Herstellung der Zivilschutzkleider involviert sind. Tatsächlich hat SGS festgestellt, dass bei einem unserer Stoffproduzenten in China nicht alle Notausgänge frei waren. Wir mussten sicherstellen, dass dies geändert wird. Dafür mussten wir ein Konzept mit Beschriftungen, Bodenmarkierungen und Mitarbeitermemos einreichen, sowie später Nachkontrollen machen. Zugegeben: im ersten Moment waren wir alles andere als erfreut, hätten wir doch gerne möglichst schnell den Zuschlag erhalten. Mit etwas Abstand können wir aber festhalten, dass wir sehr froh darüber sind, dass armasuisse das Thema Nachhaltigkeit einiges kritischer betrachtet hat, als die meisten anderen Vergabestellen. Heute wissen wir, dass wir auf der Beschaffungsseite durchs Band mit seriösen Unternehmen zusammenarbeiten, welche auch die hohen Anforderungen von armasuisse erfüllen – und dies nicht nur auf dem Papier.

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